Wildbienenarten in der Schweiz: Vielfalt, Lebensräume und Wissenswertes von einer Bienenexpertin

Entdecke die faszinierende Welt der Wildbienen: Sandbienen, Melipona & Co. Alle wichtigen Wildbienenarten der Schweiz kompakt und verständlich erklärt.

Einleitung

Die Schweiz ist Heimat einer bemerkenswert vielfältigen Bienenfauna. Mit über 600 bekannten Wildbienenarten zählt sie zu den artenreichsten Ländern Mitteleuropas, wenn es um diese wichtigen Bestäuberinsekten geht. Wildbienen sind unersetzliche Helfer in Ökosystemen und der Landwirtschaft: Sie bestäuben Wildpflanzen, Obstbäume und Gemüsekulturen und leisten damit einen unschätzbaren Beitrag zur Biodiversität und Ernährungssicherheit.

Doch trotz ihrer enormen Bedeutung sind viele Wildbienenarten heute bedroht. Lebensraumverlust, Pestizideinsatz und die Intensivierung der Landwirtschaft gefährden zahlreiche Arten. Dieser Beitrag gibt einen umfassenden Überblick über die Wildbienenarten der Schweiz, beleuchtet ihre Lebensräume und erklärt, wie man Wildbienen erkennen und von anderen Insekten unterscheiden kann – verfasst aus der Perspektive einer Fachexpertin für Bienenarten.

Wie aggressiv sind Wildbienen?

Wildbienen sind von Natur aus friedfertig

Eine der häufigsten Fragen, die Bienenexpertinnen und -experten gestellt bekommen, lautet: Sind Wildbienen gefährlich? Die klare Antwort lautet: Nein. Wildbienen sind äusserst friedliche Insekten und stechen nur in extremen Ausnahmesituationen. Im Gegensatz zu Honigbienen, die ihren Staat und ihre Königin aktiv verteidigen, leben die meisten Wildbienenarten solitär. Als Einzelgängerinnen haben sie weder einen grossen Bienenstock noch Honigvorräte zu schützen – und damit auch keinen Anlass, aggressiv zu reagieren.

Selbst die Weibchen der meisten Wildbienenarten, die theoretisch einen Stachel besitzen, setzen diesen kaum ein. Ein Stich kommt praktisch nur dann vor, wenn eine Wildbiene direkt eingequetscht, gefangen oder absichtlich bedrängt wird. Bei normaler Gartenarbeit oder beim ruhigen Beobachten der Tiere besteht keinerlei Gefahr. Kinder und Erwachsene können Wildbienen gefahrlos aus nächster Nähe betrachten, denn die Tiere sind vollständig auf Nahrungssuche und Nestbau fokussiert.

Ausnahmen und besondere Verhaltensweisen

Einige wenige Arten wie bestimmte Erdbienen bauen kolonieähnliche Nistgemeinschaften, in denen mehrere Individuen in engem Abstand nisten. Auch hier verhalten sich die Tiere jedoch friedlich gegenüber Menschen. Werden Nistplätze versehentlich gestört – etwa durch Graben oder Mähen – kann es vereinzelt zu Ausweichreaktionen kommen. Angriffe wie bei Wespen oder Hornissen sind jedoch nicht zu erwarten. Wichtig zu wissen: Männliche Wildbienen besitzen gar keinen Stachel und sind damit absolut harmlos

Wie erkennt man eine Wildbiene?

Äusserliche Merkmale der Wildbienen

Wildbienen werden häufig mit Honigbienen, Wespen oder anderen Insekten verwechselt. Tatsächlich sind sie unglaublich vielfältig in Grösse, Form und Farbe – ein Merkmal, das die Bestimmung spannend, aber auch anspruchsvoll macht. Als erster Orientierungspunkt gilt: Wildbienen sind im Vergleich zu Wespen deutlich behaarter. Diese Körperbehaarung dient der Aufnahme von Blütenpollen und ist daher ein wichtiges, charakteristisches Erkennungsmerkmal.

Der Körper der meisten Wildbienen ist kompakt gebaut; die Taille ist nicht so markant eingeschnürt wie bei Wespen. Viele Arten tragen sichtbare Pollenladungen an den Hinterbeinen, am Bauch oder an spezialisierten Körperstellen, je nach Gattung. Ihre Flügel liegen in Ruhestellung flach über dem Körper und sind – anders als bei Wespen – nicht gefaltet. Im Flug sind Wildbienen häufig an einem summenden, eher tiefen Fluggeräusch und einem gezielten, direkten Flugverhalten zu erkennen.

Wildbienen schwarz, rot und vielfarbig – ein Farbenreichtum der Natur

Wer an Wildbienen denkt, stellt sich oft einen einfarbig schwarzen Körper vor – doch wildbienen schwarz ist nur ein kleiner Teil des erstaunlichen Farbspektrums dieser Insektengruppe. Wildbienen kommen in einer beeindruckenden Vielfalt von Farben und Mustern vor. Einige Arten sind vollständig schwarz und schlicht, andere zeigen helle Binden aus weissen oder gelblichen Haaren am Hinterleib. Wieder andere – darunter die sogenannte rote Biene – treten in leuchtendem Rostrot oder Orange auf. Manche Arten wie bestimmte Furchenbienen schimmern sogar metallisch grün. Diese Artenvielfalt macht die Bestimmung von Wildbienenarten zu einer lohnenden, wenn auch herausfordernden Aufgabe

Bienenarten in der Schweiz – Ein Überblick

Die über 600 Wildbienenarten der Schweiz gehören verschiedenen Familien und Gattungen an. Sie unterscheiden sich in Lebensweise, Nahrungspräferenzen und Nistverhalten erheblich voneinander. Im Folgenden werden die wichtigsten und verbreitetsten Gruppen vorgestellt, um einen praxisnahen Überblick über die heimischen Bienenarten zu geben.

Sandbienen (Andrena) – häufig und vielgestaltig

Sandbienen gehören zur Gattung Andrena und sind mit über 100 Arten in der Schweiz vertreten. Sie zählen zu den ersten Wildbienen, die nach dem Winter erscheinen, und sind besonders im frühen Frühjahr aktiv. Sandbienen nisten bevorzugt in sandigen oder lockeren Böden, oft in der Nähe von Wegen, auf Brachen oder in Gärten. Die Weibchen legen selbst gegrabene Nistzellen im Erdreich an und versorgen sie mit Pollen und Nektar als Nahrungsvorrat für ihre Larven.

Sandbienen sind in ihrem Erscheinungsbild sehr variabel: Einige Arten sind stark behaart und dunkel, andere tragen auffällige helle Binden auf dem Hinterleib. Sie sind wichtige Bestäuber von Frühblühern wie Weiden, Obstbäumen und Löwenzahn und daher auch wirtschaftlich bedeutsam für die Schweizer Landwirtschaft.

Kleine Wildbienen – oft übersehen, aber ökologisch bedeutsam

Kleine Wildbienen sind in der Schweiz zahlreich vertreten, werden aber häufig übersehen, weil sie aufgrund ihrer Grösse kaum auffallen. Dazu zählen beispielsweise viele Arten der Gattungen Halictus und Lasioglossum, die sogenannten Furchenbienen. Diese kleinen Wildbienen sind oft nur fünf bis acht Millimeter gross, häufig einfarbig schwarz oder metallisch glänzend grün. Trotz ihrer unscheinbaren Erscheinung spielen sie eine bedeutende Rolle im Ökosystem: Kleine Wildbienen sind in der Lage, auch kleinste Blüten zu bestäuben, die für grössere Bienenarten nicht zugänglich sind, und sichern so die Fortpflanzung einer breiten Pflanzenvielfalt.

Die rote Biene – Geheimnisvolle Schönheit in Gärten und an Mauern

Der Begriff rote Biene ist kein wissenschaftlicher Fachbegriff, sondern bezeichnet umgangssprachlich verschiedene Wildbienenarten mit auffälliger Rotfärbung. Am bekanntesten sind die Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta) und die Rostrote Mauerbiene (Osmia bicornis), die in Schweizer Gärten, an alten Mauern und in Nisthilfen weit verbreitet sind. Die rote Biene ist von März bis Mai besonders häufig anzutreffen. Sie nistet in Hohlräumen – in Bambusstängeln, Bohrlöchern in Holz oder speziellen Wildbienenhotels – und ist daher in Menschennähe besonders gut beobachtbar und bei Gartenliebhaberinnen und -liebhabern beliebt.

Die Wildbienen Deutschlands und der Schweiz – Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Die Wildbienen Deutschlands und der Schweiz überschneiden sich in ihrer Artenzusammensetzung erheblich, da beide Länder die gleiche biogeografische Region teilen. Viele Arten wie Sandbienen, Mauerbienen und Hummeln kommen diesseits und jenseits der Grenze gleichermassen vor. Die Schweiz profitiert jedoch von ihrer bemerkenswerten landschaftlichen Vielfalt – vom Alpenbogen über das Mittelland bis zum Jura – und beherbergt daher auch einige Arten, die in der deutschen Tiefebene kaum oder gar nicht anzutreffen sind.

In der Schweiz sind insbesondere alpine Wildbienenarten heimisch, die an das Leben in grossen Höhen angepasst sind und dort ökologische Nischen besetzen, die in weiten Teilen Deutschlands fehlen. Insgesamt stehen die Wildbienen beider Länder vor denselben Bedrohungen: Lebensraumverlust durch Flächenversiegelung, intensive Landwirtschaft, Pestizideinsatz und Klimawandel sind auf beiden Seiten der Grenze die grössten Gefährdungsfaktoren. Eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit beim Wildbienenerschutz ist daher sinnvoll und notwendig.

Melipona-Biene – Stachelloser Exot aus fernen Ländern

Ein Thema, das in der Schweizer Bienenfachszene zunehmend Beachtung findet, ist die Melipona-Biene. Melipona-Bienen sind eine Gattung stachelloser Bienen aus Mittel- und Südamerika, die dort seit Jahrhunderten von indigenen Völkern zur Honiggewinnung gehalten werden. In der Schweiz sind Melipona-Bienen nicht heimisch und können im Freiland nicht dauerhaft überleben, da die klimatischen Bedingungen nicht mit ihrer Herkunftsregion vergleichbar sind.

Die Melipona-Biene besitzt keinen funktionsfähigen Stachel zur Verteidigung und ist daher vollständig harmlos für den Menschen. Stattdessen verteidigt sie ihr Nest durch Beissen. Die Auseinandersetzung mit der Melipona-Biene ist dennoch lehrreich für alle, die sich für Bienenarten interessieren: Sie illustriert eindrücklich, wie vielfältig Bienen weltweit in ihrer Biologie, ihrem Sozialverhalten, ihrer Honigproduktion und ihren Verteidigungsstrategien sind. Der Vergleich zwischen einheimischen Wildbienenarten und der Melipona-Biene schärft das Bewusstsein dafür, warum der Schutz regionaler Arten und ihrer spezifischen Lebensräume so entscheidend ist.

Lebensräume der Wildbienen in der Schweiz

Vielfältige Ansprüche an Nist- und Nahrungsräume

Wildbienen haben sehr unterschiedliche Ansprüche an ihre Lebensräume, was ihre besondere Schutzwürdigkeit begründet. Während einige Arten wie Sandbienen offene Sandböden benötigen, bevorzugen andere lehmige Erdböden, Steilwände, alte Baumstümpfe oder Hohlräume in Trockenmauern. Manche Arten sind sogenannte Generalisten und nutzen viele verschiedene Pflanzenarten als Nahrungsquelle. Andere hingegen – die sogenannten Oligolekten – sind ausschliesslich auf bestimmte Pflanzenfamilien oder sogar einzelne Pflanzenarten angewiesen.

Diese enge Bindung an bestimmte Nahrungspflanzen macht oligolektische Wildbienenarten besonders anfällig für den Verlust von Pflanzenarten in ihrer Umgebung. Schwindet eine einzige Schlüsselpflanze aus einem Gebiet, kann dies das lokale Aussterben einer spezialisierten Wildbienenart nach sich ziehen. Dies verdeutlicht, wie eng Wildbienenvielfalt und Pflanzenvielfalt miteinander verknüpft sind.

Wildbienen im Garten aktiv fördern

Der Garten kann ein wichtiger Lebensraum für Wildbienen sein. Wer gezielte Massnahmen umsetzt, kann aktiv zum Schutz dieser wertvollen Insekten beitragen. Besonders wichtig sind ein vielfältiges Blütenangebot über die gesamte Saison von März bis Oktober, naturnahe Bereiche mit offenem, unbefestigtem Boden sowie das Aufhängen von Nisthilfen aus unbehandelten Naturmaterialien.

Viele Wildbienenarten profitieren von ungepflegten, naturnahen Gartenbereichen mit Totholz, Laubhaufen und einheimischen Wildpflanzen. Der konsequente Verzicht auf Pestizide ist ebenfalls entscheidend: Chemische Schutzmittel schädigen nicht nur Schädlinge, sondern auch nützliche Insekten wie Wildbienen direkt und indirekt durch die Reduzierung ihres Nahrungsangebotes.

Wildbienen schützen – Was können wir tun?

Der Schutz der Wildbienen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Auf politischer Ebene braucht es eine Landwirtschafts- und Umweltpolitik, die Blühflächen fördert, den Pestizideinsatz drastisch reduziert und natürliche Lebensräume dauerhaft schützt. Massnahmen wie Extensivierung von Landwirtschaftsflächen, die Förderung von Buntbrachen und Wildblumenwiesen sowie das Anlegen von Vernetzungskorridoren zwischen Lebensräumen sind unverzichtbare Bausteine eines wirksamen Wildbienenerschutzes.

Auf individueller Ebene kann jede Person durch bewusste Gartengestaltung, den Kauf regionaler Produkte aus naturnaher Landwirtschaft und die Unterstützung lokaler Schutzprojekte zum Erhalt der Wildbienenvielfalt beitragen. In der Schweiz engagieren sich zahlreiche Organisationen, Vereine und Forschungsinstitutionen aktiv für den Schutz der Wildbienen. Das Netzwerk bienenschutz.ch ist eine wichtige Anlaufstelle für alle, die sich über Wildbienenarten informieren oder praktisch mithelfen möchten, den Lebensraum dieser unverzichtbaren Bestäuber zu erhalten und auszubauen.

Fazit

Wildbienen sind faszinierende, friedliche und absolut unverzichtbare Bestandteile unserer Ökosysteme. Die Schweiz ist Heimat einer ausserordentlich grossen Wildbienenvielfalt – von Sandbienen im lockeren Boden über die rote Biene in der Gartenmauer bis hin zu kleinen Wildbienen auf der Blumenwiese und spezialisierten Alpenbienen in grossen Höhen. Wildbienen schwarz, rötlich, gestreift oder metallisch glänzend – ihr Farben- und Formenreichtum ist kaum zu überbieten.

Trotz ihrer ökologischen Bedeutung sind viele Wildbienenarten in ihrer Existenz ernsthaft gefährdet. Wer Wildbienen erkennen, schützen und fördern möchte, tut nicht nur etwas für die Natur, sondern investiert in die Grundlage unserer Nahrungsmittelproduktion und die Vielfalt unserer Landschaft. Gemeinsam – als Gesellschaft, als Gartenbesitzerinnen und -besitzer, als politisch handelnde Menschen – können wir dafür sorgen, dass die Wildbienen Deutschlands und der Schweiz auch für künftige Generationen erhalten bleiben. Die Bienenarten unserer Heimat sind es wert, dass wir uns für sie einsetzen.

Quellen

Amiet, F., Müller, A., & Neumeyer, R. (1999). Apidae – Fauna Helvetica. Schweizerische Entomologische Gesellschaft, Neuchâtel.

Info Flora & Agroscope (2020). Wildbienenschutz in der Schweiz – Grundlagen und Massnahmen. Bundesamt für Umwelt (BAFU), Bern. Abgerufen von https://www.bafu.admin.ch

Müller, A., Krebs, A., & Amiet, F. (1997). Bienen – Mitteleuropäische Gattungen, Lebensweise, Beobachtung. Naturbuch-Verlag, Augsburg.

Pro Natura (2022). Wildbienen in der Schweiz – Fakten und Zahlen. Abgerufen von https://www.pronatura.ch

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