Welche Wildbienenarten profitieren in der Schweiz sogar von der Klimaerwärmung?

Inmitten der vielschichtigen Folgen des Klimawandels für die Tier- und Pflanzenwelt zeigt sich in der Schweiz ein bemerkenswertes Phänomen: Nicht alle Wildbienenarten leiden unter den veränderten Temperaturbedingungen – einige profitieren sogar davon. Als klimaprofitierende Wildbienenarten gelten jene Spezies, deren Ausbreitungspotenzial, Reproduktionserfolg oder Verbreitungsgebiet durch steigende Temperaturen messbar zunimmt. Dieses Phänomen ist ökologisch bedeutsam, weil die Schweiz aufgrund ihrer geografischen Lage zwischen mediterranen, alpinen und mitteleuropäischen Klimazonen als besonders sensibles Beobachtungsfeld gilt. Veränderungen in der Wildbienen-Artenvielfalt lassen sich hier früh ablesen und machen deutlich, dass Klimawandel und Biodiversität in einem komplexen, nicht ausschließlich negativen Wechselverhältnis stehen.

Wärmeliebende Wildbienenarten auf dem Vormarsch in der Schweiz

In der Schweiz nimmt die Präsenz thermophiler Wildbienenarten in Regionen zu, in denen diese Arten früher nicht oder nur vereinzelt nachgewiesen wurden. Thermophile Bienenarten sind solche, deren biologische Aktivität, Nestbau und Fortpflanzungserfolg an höhere Umgebungstemperaturen gebunden ist. Feldbeobachtungen aus verschiedenen Kantonen zeigen, dass sich dieser Kreis erweitert – sowohl durch das Vordringen mediterraner und südeuropäischer Arten in die Deutschschweiz als auch durch die Höhenausdehnung alpiner Arten in bislang zu kühle Lagen. Typischerweise handelt es sich um Arten mit ausgeprägter dunkler Körperfärbung, breiter Körperstatur oder besonderer Neigung zur Besiedlung sonnenexponierter Standorte. Ihre Ausbreitung gilt als dokumentierbares Zeichen für den anhaltenden Temperaturanstieg und wird von Naturbeobachtern in der Schweiz zunehmend systematisch erfasst.

Mediterrane und südeuropäische Arten in der Deutschschweiz

Wildbienenarten mit Ursprung im Mittelmeerraum und in Südeuropa verschieben ihre Verbreitungsgrenzen nach Norden. In der Schweiz zeigt sich diese Bewegung besonders deutlich im Wallis, im Tessin und zunehmend auch im Mittelland. Nachfolgend sind vier Arten mit dokumentierter Nordwanderung aufgeführt:
  • Xylocopa violacea (Große Holzbiene): Eine der auffälligsten neu einwandernden Arten, erkennbar an vollständig schwarz gefärbtem Körper, violett schimmernden Flügeln und einer Körperlänge von bis zu 28 Millimetern. Ursprünglich auf den Süden Europas beschränkt, ist die Art inzwischen in wärmebegünstigten Lagen der Deutschschweiz und im Mittelland nachgewiesen.
  • Anthophora hispanica (Südliche Pelzbiene): Mit kompakter Körperform und dichter Behaarung, ehemals vor allem in Spanien und Südfrankreich verbreitet. Einzelnachweise existieren für wärmere Tallagen der Westschweiz und des Wallis.
  • Eucera nigrescens (Langfühlerbiene): Typisch mediterran in ihrer Herkunft, mit auffallend langen Fühlern beim Männchen und gelblicher Gesichtsbehaarung. Im Tessin seit Längerem präsent, rückt die Art zunehmend in wärmere Regionen der Deutschschweiz vor.
  • Halictus scabiosae (Skabiosen-Goldbiene): Eine mittelgroße Art mit charakteristischer heller Bauchbehaarung, ursprünglich vor allem aus südeuropäischen Trockengebieten bekannt. Im Wallis und im Jurasüdfuß ist sie zunehmend anzutreffen.
Diese Arten verbindet ihre Herkunft aus wärmeren Klimazonen Südeuropas sowie die Fähigkeit, unter den sich wandelnden Temperaturbedingungen der Schweiz neue Territorien zu erschließen.

Neu etablierte Bienenarten aus dem Alpenraum

Ein eigenständiges biogeografisches Phänomen zeigt sich im Bereich der alpinen Wildbienen: Arten, die bislang an niedrigere Höhenstufen oder bestimmte Alpenkantone gebunden waren, dehnen ihr Vorkommen in höhere Lagen oder bislang unbesiedelte Kantone aus. Dieser Prozess unterscheidet sich grundlegend von der Zuwanderung mediterraner Arten, da er sich vertikal und lateral innerhalb des alpinen Raums vollzieht. Beispielhaft dafür stehen folgende vier Arten:
  • Andrena combinata (Alpine Sandbiene): Bislang vorwiegend in montanen Lagen bis etwa 1.200 Meter nachgewiesen. Aktuell liegen Beobachtungen aus Lagen vor, die früher als zu kalt für eine dauerhafte Besiedlung galten, teils bis über 1.600 Meter.
  • Halictus rubicundus (Rotbeinige Furchenbiene): Ursprünglich in montanen Tallagen der Zentralalpen verbreitet. Inzwischen in subalpinen Regionen mehrerer Kantone dokumentiert, darunter Graubünden und Uri, die früher außerhalb ihres Kerngebiets lagen.
  • Bombus monticola (Alpenhummel): Eine typische Gebirgsart mit rotem Hinterleib und dichter Behaarung. An manchen Standorten steigt sie in höhere Lagen auf und ist gleichzeitig in tiefer gelegenen Kantonen wie dem Berner Oberland häufiger anzutreffen als in früheren Jahrzehnten.
  • Lasioglossum calceatum (Anpassungsfähige Furchenbiene): Bisher hauptsächlich in kollinen bis montanen Lagen verbreitet, mit zunehmenden Meldungen aus subalpinen Regionen Graubündens und der Innerschweiz.
Gemeinsam ist diesen Arten nicht eine fremdländische Herkunft, sondern die vertikale Verschiebung bestehender alpiner Populationen in neu zugängliche Höhenstufen.

Ökologische Mechanismen: Warum der Klimawandel bestimmten Wildbienen nützt

Mehrere zusammenwirkende Faktoren erklären, weshalb steigende Temperaturen bestimmten Wildbienenarten in der Schweiz zugutekommen.
  • Verlängerte Flugzeiten: Wärmeliebende Bienenarten können bei steigenden Temperaturen früher im Jahr mit ihrer Aktivitätsphase beginnen und diese länger aufrechterhalten. Mehr Zeit für Nahrungsaufnahme, Paarung und Nestbau steigert den Reproduktionserfolg deutlich.
  • Synchronisation mit der Pflanzenphänologie: Höhere Frühjahrstemperaturen lassen Wildpflanzen früher blühen. Für thermophile Bienenarten, deren Schlüpfzeitpunkt ebenfalls temperaturabhängig ist, ergibt sich eine verbesserte zeitliche Übereinstimmung mit dem Blütenangebot ihrer bevorzugten Pflanzenarten. Für spezialisierte Bestäuber ist diese Kopplung von besonderer Bedeutung.
  • Verfügbarkeit wärmeexponierter Nestsubstrate: Viele thermophile Wildbienenarten nisten in offenem, sandigem oder lehmigem Boden an sonnenexponierten Stellen. Wärmere und trockenere Sommer erhöhen die Verfügbarkeit geeigneter Nestsubstrate, da der Boden an Südhängen, Böschungen und Wegrändern länger in optimaler Konsistenz und Temperatur verbleibt.
  • Metabolische Vorteile wärmeabhängiger Arten: Bei bestimmten Wildbienenarten sind grundlegende Körperfunktionen von der Ei- bis zur Larvenentwicklung an Mindestwärmegrade gebunden. Steigende Durchschnittstemperaturen verschieben diese Schwellenwerte in ihrem Sinne, sodass Entwicklungszyklen vollständiger abgeschlossen werden können als früher in kühleren Regionen möglich war.
Das Zusammenspiel dieser Faktoren erklärt, warum thermophile Arten unter den veränderten Bedingungen einen messbaren Vorteil gegenüber kältetoleranten Spezies erlangen.

Lebensräume und Landschaften, die vom Wandel profitieren

In der Schweiz lassen sich bestimmte Landschaftstypen und Habitatstrukturen identifizieren, in denen wärmebegünstigte Wildbienenarten besonders deutlich Fuß fassen. Bewährt haben sich dabei folgende Lebensraumtypen:
  • Trockenwiesen und Magerstandorte: Kalkmagerrasen und Trockenwiesen, vor allem im Wallis und im Jurasüdfuß, gehören zu den artenreichsten Lebensräumen für thermophile Wildbienen. Steigende Temperaturen verlängern die Nutzbarkeit dieser Standorte über die Saison.
  • Südhänge und sonnenexponierte Böschungen: Steil nach Süden geneigte Hänge erwärmen sich im Zuge des Klimawandels noch stärker als der Landesdurchschnitt. In solchen Lagen entstehen kleinklimatische Verhältnisse, die für wärmeliebende Arten besonders günstig sind und die Besiedlung bislang unzugänglicher Höhenlagen ermöglichen.
  • Weinbergränder und Rebterrassen: Die Ränder von Rebbergen, besonders im Wallis, in der Waadt und am Zürichsee, bieten offene Böden, Trockenmauern und ein warmes Mikroklima, das für nistende Wildbienen attraktiv ist. Wärmer werdende Sommer verstärken diese Gunstlage zusätzlich.
  • Urbane Wärmekorridore: Städte wie Zürich, Basel und Bern erzeugen Wärmeinseln, die thermophilen Arten ganzjährig höhere Temperaturen bieten als das Umland. Bahndämme, Industriebrachen und südexponierte Hauswände fungieren als Ausbreitungskorridore und Trittstein-Lebensräume.
  • Mittelland-Ränder und Übergangslagen: Die südlichen und südwestlichen Randgebiete des Schweizer Mittellandes entwickeln sich zu Aufnahmeräumen für aus dem Süden vordringende Bienenarten, da sie zunehmend die Temperaturschwellen erreichen, die diesen Arten eine Überwinterung und Reproduktion ermöglichen.

Wildbienen und Klimawandel: Das Gesamtbild für die Biodiversität in der Schweiz

Das Phänomen klimaprofitierender Wildbienenarten lässt sich nicht isoliert betrachten, ohne die gesamte Dynamik der Bestäubergemeinschaften in der Schweiz in den Blick zu nehmen. Was sich auf den ersten Blick wie ein ökologischer Gewinn darstellt – das Vordringen neuer, wärmeliebender Arten – ist eingebettet in eine deutlich komplexere Gesamtbilanz. Gleichzeitig geraten spezialisierte Kälte- und Höhenarten unter Druck: Arten, deren Verbreitungsschwerpunkt an kühle Lebensräume gebunden ist, verlieren Lebensraum, dem sie nicht ausweichen können. Gewisse Spezialisten verschwinden, während Generalisten und wärmetolerante Arten deren Platz einnehmen.
Diese Verschiebung in der Zusammensetzung der Pollinatorengemeinschaft hat weitreichende Folgen für heimische Wildpflanzen. Viele Blütenpflanzen der Schweiz sind auf spezifische Bestäuberarten angewiesen, sodass eine veränderte Bienenfauna das Reproduktionsgefüge ganzer Pflanzengesellschaften beeinflussen kann. Das ökologische Gleichgewicht zwischen Pflanzen und Bestäubern, das sich über Jahrtausende entwickelt hat, verschiebt sich in einem Tempo, das langfristige Folgen für die Biodiversität der Schweiz noch schwer absehbar macht. Engagierte Naturbeobachter leisten durch systematische Erfassung einen unverzichtbaren Beitrag dazu, diese Verschiebung sichtbar und verstehbar zu machen.

Beobachtungsmöglichkeiten und Fachliche Orientierung für Naturinteressierte

Wer das Phänomen der sich verändernden Wildbienenverbreitung aktiv mitverfolgen möchte, findet in der Schweiz heute eine gut ausgebaute Infrastruktur aus Fachorganisationen, Meldenetzwerken und begleiteten Beobachtungsprogrammen. Durch die Einbindung in strukturierte Citizen-Science-Aktivitäten lassen sich persönliche Beobachtungen in einen wissenschaftlich verwertbaren Zusammenhang stellen und das Wissen über die eigene Umgebung gezielt vertiefen.
Besonders hilfreich ist professionelle Begleitung, wenn die Artenbestimmung vor Ort unsicher ist oder wenn Beobachtungen aus wenig dokumentierten Regionen systematisch eingebracht werden sollen. Relevant sind in diesem Zusammenhang vor allem folgende Anlaufstellen und Plattformen:
  • Infoflora und Infospecies (Nationales Datenzentrum): Koordinierungsstellen für Artmeldungen in der Schweiz, darunter auch Wildbienen. Meldungen können über standardisierte Formulare eingereicht werden.
  • Info fauna (Zentrum für Faunakartierung): Zuständig für die Koordination faunistischer Daten in der Schweiz. Bietet Bestimmungshilfen und ermöglicht die systematische Eingabe von Wildbienenbeobachtungen.
  • Cercle Faunistique und kantonale Naturschutzfachstellen: Regionale Netzwerke für Faunabeobachter, die lokale Exkursionen, Bestimmungsabende und Kontakte zu Gebietskenner vermitteln.
  • Naturschutzorganisationen mit Wildbienenmonitoring: Organisationen wie Pro Natura und BirdLife Schweiz führen Projekte zur Wildbienenerfassung durch und bieten Mitmachmöglichkeiten für interessierte Laien.
  • iNaturalist (Internationale Meldeplattform): Eine global vernetzte Plattform zur Erfassung von Tier- und Pflanzenbeobachtungen, die auch von der Schweizer Naturforschenden Gemeinschaft genutzt wird und automatisierte Bestimmungsunterstützung bietet.

Fazit: Wildbienenarten als Zeiger des Klimawandels in der Schweiz

Die Ausbreitung wärmeliebender Wildbienenarten in der Schweiz ist weit mehr als eine naturkundliche Kuriosität. Sie ist ein ökologisches Signal, das auf tiefgreifende Veränderungen in Klima und Landschaft verweist und das gesamte Gefüge heimischer Bestäubergemeinschaften erfasst.
Dieses Bild ist von Ambivalenz geprägt: Artengewinn und Artenverlust vollziehen sich gleichzeitig, und die langfristige Bedeutung dieser Verschiebung lässt sich erst durch kontinuierliche Erfassung ermessen. Engagierten Naturinteressierten kommt dabei eine wichtige Rolle zu – nicht nur als Beobachter, sondern als aktive Mitgestalter eines Monitorings, das dazu beiträgt, den Wildbienenarten der Schweiz als Klimazeigern langfristig auf der Spur zu bleiben.

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