Ein Bienenschwarm ist eines der eindrücklichsten Naturschauspiele überhaupt: Tausende von Honigbienen verlassen gemeinsam ihren Stock, bilden eine summende Wolke und lassen sich dann als dichte Traube an einem Ast, einer Mauer oder einem Zaunpfosten nieder. Was viele als bedrohlich empfinden, ist in Wirklichkeit ein zutiefst natürlicher Vorgang – der Schwarmtrieb ist das wichtigste Fortpflanzungsmittel des Bienenvolks.
Was ist ein Bienenschwarm?
Ein Bienenschwarm ist eine Teilgruppe eines Bienenvolks, die gemeinsam mit der alten Bienenkönigin den ursprünglichen Stock verlässt, um eine neue Behausung zu gründen. Ein typischer Schwarm besteht aus 10 000 bis 20 000 Arbeitsbienen, die sich vorübergehend an einem Ort sammeln, während Kundschafterbienen nach einem geeigneten neuen Zuhause suchen.
Der Schwarm ist kein eigenständiges Bienenvolk, sondern ein Übergangszustand: Das alte Bienenvolk teilt sich auf. Die Hälfte der Bienen bleibt mit einer neu aufgezogenen Königin im ursprünglichen Stock, die andere Hälfte zieht mit der alten Bienenkönigin aus. So entstehen aus einem Bienenvolk zwei.
Warum schwärmen Bienen?
Natürliche Vermehrung des Bienenvolks
Schwärmen ist die einzige natürliche Methode, mit der sich ein Bienenvolk als Ganzes fortpflanzt und vermehrt. Der Schwarmtrieb ist tief im genetischen Programm der Honigbiene (Apis mellifera) verankert und sichert das Überleben der Art.
Die Rolle der Bienenkönigin
Die Bienenkönigin ist der Auslöser des Schwarmgeschehens. Wenn ein Volk Weiselzellen – spezielle Brutzellen für neue Königinnen – anlegt, bereitet sich die alte Königin auf den Auszug vor. Sie nimmt an Gewicht ab und wird von den Arbeitsbienen zunehmend weniger gefüttert, damit sie wieder flugfähig wird. Kurz bevor die erste neue Königin schlüpft, verlässt die alte Königin mit dem Schwarm den Stock.
Platzmangel und Volksentwicklung
Neben dem genetischen Schwarmtrieb begünstigen praktische Faktoren das Schwärmen: Ein zu kleiner Bienenstock, ein stark gewachsenes Bienenvolk im Frühjahr und ein Überangebot an Arbeitsbienen ohne ausreichende Aufgaben erhöhen die Schwarmneigung erheblich.
Wie entsteht ein Bienenschwarm?
Vorbereitung im Bienenstock
Wochen vor dem Auszug laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Die Arbeitsbienen bauen Weiselzellen, in denen neue Königinnen heranwachsen. Gleichzeitig fressen sich viele Bienen mit Honig voll – der Reiseproviant für den Neubeginn.
Bildung neuer Königinnen
In den Weiselzellen entwickeln sich potenzielle Nachfolgerinnen. Sobald die erste Prinzessin kurz vor dem Schlüpfen steht, gibt das Volk das Signal zum Aufbruch.
Auszug der alten Königin
Die alte Bienenkönigin verlässt gemeinsam mit einem Grossteil der Arbeitsbienen den Stock. Dieser Moment – der eigentliche Schwarmausflug – dauert nur wenige Minuten. Der Schwarm sammelt sich zunächst in der Nähe des alten Stocks und bildet die typische Traube.
Wie verhält sich ein Bienenschwarm?
Sammelphase
Unmittelbar nach dem Auszug sammeln sich die Bienen an einem Zwischenplatz, oft nur wenige Meter vom alten Stock entfernt. Die Königin befindet sich im Innern dieser Traube, geschützt von Tausenden von Arbeitsbienen.
Suche nach einer neuen Behausung
Während der Schwarm wartet, schwärmen Kundschafterbienen aus und suchen systematisch nach geeigneten Hohlräumen: Baumhöhlen, Mauerhohlräume oder leere Bienenstöcke. Die Suche kann wenige Stunden bis mehrere Tage dauern.
Kommunikation durch Kundschafterbienen
Die Entscheidung über den neuen Standort fällt durch einen demokratischen Prozess: Kundschafterbienen tanzen den anderen ihre Fundorte mit dem Schwänzeltanz vor. Je besser ein Ort, desto ausdauernder wird getanzt. Am Ende setzt sich der beste Standort durch – und der gesamte Schwarm fliegt gemeinsam dorthin.
Sind Bienenschwärme gefährlich?
Verhalten gegenüber Menschen
Ein Bienenschwarm wirkt beeindruckend, ist aber in aller Regel völlig harmlos. Schwarmbienen haben kein Nest und keine Vorräte zu verteidigen – der wichtigste Auslöser für Stiche fehlt daher.
Warum Schwarmbienen meist friedlich sind
Vor dem Auszug haben sich die Bienen mit Honig vollgefressen. Ein vollgefressenes Insekt kann seinen Stachel kaum einsetzen – der Bauch ist zu prall. Zudem ist der Schwarm in einem Ausnahmezustand, der die Aggressivität stark mindert.
Sterben Bienen nach dem Stich?
Ja – Arbeitsbienen der Honigbiene sterben nach dem Stich eines Menschen, weil der Widerhaken des Stachels in der elastischen Haut stecken bleibt und beim Herausziehen die Giftblase abreisst. Bei anderen Insekten oder glatthäutigen Tieren passiert das nicht. Schwarmbienen stechen jedoch nur in echter Notsituation.
Was tun, wenn man einen Bienenschwarm sieht?
Ruhig bleiben. Hektische Bewegungen und laute Geräusche können Bienen aufschrecken. Langsam und ruhig vom Schwarm wegbewegen.
Abstand halten. Mindestens zwei bis drei Meter Abstand genügen in den meisten Fällen vollkommen.
Lokalen Imker kontaktieren. Ein erfahrener Imker kann den Schwarm fachgerecht einfangen und in ein neues Zuhause umsiedeln. Den zuständigen Imkerverein findet man über den kantonalen Bienenzüchterverband.
Was man nicht tun sollte:
- Den Schwarm nicht mit Wasser bespritzen
- Keine Insektizide oder Sprays einsetzen
- Den Schwarm nicht mit Stöcken oder Ästen stören
- Niemals versuchen, den Schwarm selbst zu entfernen
In welchem Monat schwärmen Bienen?
Die Hauptschwarmzeit der Honigbiene liegt in der Schweiz zwischen „April und Juli“, mit dem Höhepunkt im Mai und Juni. Dann ist das Volk maximal stark, die Blütenangebot gross und die Temperaturen warm genug für den Auszug.
Warme, windstille Tage mit Temperaturen über 18 °C sind besonders schwarmgünstig – typischerweise zwischen 10 und 14 Uhr. In kühlen oder regenreichen Jahren kann die Schwarmzeit nach hinten verschoben sein. In tieferen Lagen der Schweiz beginnt sie etwas früher als im Berggebiet.
Die Bedeutung des Schwarms für die Bienenhaltung
Chancen für Imker
Für Imkerinnen und Imker ist ein Schwarm ein Geschenk: ein neues, genetisch eigenständiges Volk, das sich ohne grossen Aufwand in einen leeren Bienenstock einlogieren lässt. Schwärme fremder Bienen werden gerne aufgenommen.
Schwarmkontrolle
Im Rahmen der professionellen und hobbyimkerlichen Bienenhaltung gehört die Schwarmkontrolle zu den wichtigsten Frühjahrsarbeiten. Regelmässige Kontrollen auf Weiselzellen (mind. alle 7–9 Tage) ermöglichen es, rechtzeitig einzugreifen.
Verhinderung von ungewollten Schwärmen
Imker nutzen verschiedene Methoden zur Schwarmverhinderung: Ablegerbildung, Erneuerung der Bienenkönigin, Erweiterung des Brutraums oder das gezielte Entfernen von Weiselzellen. In der naturnahen Bienenhaltung wird ein massvoll kontrollierter Schwarmtrieb hingegen als artgerechtes Verhalten akzeptiert.
Biene im Winter – warum Schwärme nur in der warmen Jahreszeit auftreten
Im Winter bildet das Bienenvolk eine kompakte Wintertraube, um Wärme zu konservieren. Die Biene im Winter verlässt den Stock nur bei Aussentemperaturen über 10–12 °C für kurze Reinigungsflüge. Schwärmen ist in dieser Jahreszeit biologisch ausgeschlossen: Das Volk ist zu klein, es gibt keine blühenden Trachtpflanzen, und die Bienenkönigin legt kaum Eier. Schwärme treten daher ausschliesslich von Frühjahr bis Hochsommer auf.
Männliche Biene – welche Rolle spielen Drohnen beim Schwärmen?
Drohnen, die männlichen Bienen, nehmen am Schwarm selbst nicht aktiv teil – sie fliegen weder mit dem Schwarm aus noch helfen sie beim Nestbau. Ihre Aufgabe liegt ausschliesslich in der Befruchtung jungfräulicher Königinnen während des Hochzeitsflugs. Im Zusammenhang mit dem Schwärmen kommt den Drohnen eine indirekte Rolle zu: Das Vorhandensein vieler Drohnen im Volk ist ein Zeichen für Schwarmstimmung. Im Herbst werden die Drohnen vom Volk ausgestossen – das sogenannte Drohnenschlacht – und sterben ausserhalb des Stocks.
Fazit
Der Bienenschwarm ist kein Zeichen einer Katastrophe, sondern Ausdruck lebendiger Biologie. Er ist die natürliche Fortpflanzungsstrategie des Bienenvolks, angetrieben vom Schwarmtrieb und koordiniert durch die Bienenkönigin. Wer einen Schwarm entdeckt, braucht keine Angst zu haben: Ruhe bewahren, Abstand halten und einen Imker kontaktieren – das ist alles, was es braucht. Das Verstehen dieses faszinierenden Massenphänomens fördert den respektvollen Umgang mit der Honigbiene und trägt zum Schutz einer unverzichtbaren Bestäuberin bei.
FAQ
Frage 1: Was tun, wenn man einen Bienenschwarm sieht?
Ruhe bewahren und langsam Abstand halten – Schwarmbienen sind meist völlig friedlich. Den Schwarm nicht berühren oder stören. Anschliessend den lokalen Imkerverein oder einen Hobbyimker in der Nähe kontaktieren, der den Schwarm fachgerecht einfangen kann. Wasser, Insektizide oder laute Geräusche unbedingt vermeiden.
Frage 2: In welchem Monat schwärmen Bienen?
Die Hauptschwarmzeit liegt in der Schweiz zwischen April und Juli, mit dem Schwerpunkt im Mai und Juni. Bevorzugt schwärmen Bienen an warmen, windstillen Tagen zwischen 10 und 14 Uhr, wenn die Temperatur über 18 °C liegt.
Frage 3: Wie lange bleibt ein Bienenschwarm an einem Ort?
Ein Bienenschwarm bleibt an seinem Zwischenplatz typischerweise einige Stunden bis maximal zwei bis drei Tage. Sobald sich die Kundschafterbienen auf einen neuen Standort geeinigt haben, bricht der gesamte Schwarm auf. Bei schlechtem Wetter kann die Wartezeit etwas länger dauern.
Frage 4: Kann ein Bienenschwarm ohne Königin überleben?
Nein. Ein Schwarm ohne Bienenkönigin ist nicht überlebensfähig. Die Königin ist das reproduktive Zentrum des Volks. Ohne sie können keine neuen Arbeiterinnen aufgezogen werden, und das Volk stirbt innerhalb weniger Wochen ab. Verliert ein Schwarm seine Königin, versuchen die Bienen unter Umständen, eine Notkönigin aus vorhandener Brut aufzuziehen – das gelingt jedoch nur selten.
Frage 5: Warum greifen Schwarmbienen Menschen selten an?
Schwarmbienen haben weder ein Nest noch Honigvorräte zu verteidigen – die Hauptmotivation für Stiche fehlt. Zusätzlich sind die Bienen mit Honig vollgefressen, was ihre Stechbereitschaft stark mindert. Nur bei direkter Bedrohung oder starker Erschütterung des Schwarms besteht ein erhöhtes Stichrisiko.
Quellenangaben
- Seeley, T. D. (2010). Honeybee Democracy. Princeton University Press. – Grundlagenwerk über die kollektive Entscheidungsfindung von Bienenschwärmen, inkl. Kundschaftertanz und Standortwahl.
- Tautz, J. (2007). Phänomen Honigbiene. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg. – Umfassende wissenschaftliche Darstellung der Biologie von Apis mellifera, inkl. Schwarmverhalten.
- Schweizerisches Zentrum für Bienenforschung, Agroscope (2023). Schwärmen und Schwarmkontrolle. Agroscope Merkblatt, Bern. – Praxisnahe Richtlinien zur Schwarmkontrolle für Imker in der Schweiz. agroscope.admin.ch
- Deutschen Imkerbund e.V. (2022). Bienenschwärme: Verhalten, Biologie und Imkerliche Massnahmen. Breisach: DIB-Fachschrift. – Fachliche Grundlage für Schwarmmanagement und Verhalten.
- Free, J. B. (1987). Pheromones of Social Bees. Chapman and Hall, London. – Wissenschaftliche Erläuterung der chemischen Kommunikation beim Schwärmen, inkl. Nassanov-Drüse und Königinnenpheromon.
- Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV (2023). Bienenhaltung in der Schweiz: Rechtliche Grundlagen und Empfehlungen. Bern. – Offizielle Schweizer Behördenquelle zu Bienenhaltung und -schutz. blv.admin.ch